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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen
Frankfurt am Main-Zeilsheim

Berichte

01.04.2014

Die christlichen Kirchen des Ostens

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The­ma des ACK-Vor­trags- und Ge­sprächs­abends am 1. April im Pfarr­ge­mein­de­zen­trum Zeils­heim wa­ren „Die alt­ori­en­ta­li­schen und ort­ho­do­xen Kir­chen”. Den Vor­trag hielt der Je­su­it P. Pro­fes­sor Dr. Wer­ner Lö­ser, der bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung an der Phi­lo­so­phisch-Theo­lo­gi­schen Hoch­schule St. Ge­or­gen in Frank­furt Dog­ma­tik und Öku­me­ni­sche Theo­lo­gie ge­lehrt hat. Die The­ma­tik, der sich der Re­fe­rent zu­wand­te, war in­halt­lich nicht ein­fach. Die Zu­hö­rer muss­ten sich sehr kon­zen­trie­ren, zu­mal wir in un­se­ren Ge­mein­den kaum mit Ge­mein­den der öst­li­chen Kir­chen zu tun haben.

P. Lö­ser wies in sei­nem Re­fe­rat dar­auf hin, dass die Kir­che Je­su Chris­ti kein fes­ter mo­no­li­thi­scher Block ist, son­dern aus ei­ner Viel­zahl von Tra­di­ti­o­nen be­steht, was ins­be­son­de­re an den christ­li­chen Kir­chen des Os­tens deut­lich zu se­hen ist. Ne­ben dem west­li­chen Ri­ten­kreis, zu dem die rö­misch-kat­ho­li­sche Kir­che und die Kir­chen der Re­for­ma­ti­on zäh­len, gab es schon seit der An­ti­ke fünf öst­li­che Ri­ten­krei­se, näm­lich den ale­xan­dri­ni­schen, den an­ti­o­che­ni­schen, den ar­me­ni­schen, den chal­dä­i­schen und schließ­lich auch den by­zan­ti­ni­schen Ri­ten­kreis.

Im Jahr 325 nach Chris­tus fand in der heu­te tür­ki­schen Stadt Ni­kaia das ers­te all­ge­mei­ne Kon­zil der christ­li­chen Kir­che statt. Es war wie die meis­ten spä­te­ren Kon­zi­li­en ein Reichs­kon­zil auf dem Bo­den des da­ma­li­gen Rö­mi­schen Rei­ches, zu dem der Kai­ser ein­ge­la­den hat­te. Dort ging es um die zen­tra­le Fra­ge „Wer ist Gott?” Die De­fi­ni­ti­on, die al­le Kon­zils­teil­neh­mer an­nah­men, lau­tet: „Er ist der drei­fal­ti­ge Gott - Va­ter, Sohn und Hei­li­ger Geist”. Im Kon­zil von Kons­tan­ti­no­pel (381) wurde die Fra­ge nach dem We­sen des Hei­li­gen Geis­tes ge­klärt. Das nächs­te Kon­zil fand 431 in Ephe­sus statt. Auf die­ser Ver­samm­lung stand die Frage „Wer ist Je­sus Chris­tus?” im Zen­trum der Be­ra­tun­gen und Ent­schei­dun­gen. Da­mals stell­ten sich al­le Kir­chen des Os­tens und des Wes­tens hin­ter den Kon­zils­beschluss: Es ging um die Frage „Wer ist Je­su Chris­ti Mut­ter? Ist sie wirk­li­che Mut­ter, wie je­der Mensch ei­ne Mut­ter hat oder ist sie Got­tes­ge­bä­re­rin?”. Die Kon­zils­vä­ter ent­schie­den sich, Ma­ria zur Got­tes­ge­bä­re­rin zu er­klä­ren. Die As­sy­ri­sche Kir­che, in un­se­rer Zeit die Per­si­sche Kir­che, ge­hör­te nicht zu den Kir­chen des Rö­mi­schen Rei­ches und war da­her zu die­sem Kon­zil nicht ein­ge­la­den. Sie ging nun ei­ge­ne We­ge, hat aber bis heu­te en­ge Be­zie­hun­gen zur abend­län­di­schen Kirche.

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P. Prof. Dr. Löser neben Dr. Wilhelm Platz (links) und Dieter Jung (rechts)

Auf dem Kon­zil von Chal­ze­don im Jahr 451 wur­de er­neut die Fra­ge nach dem We­sen Je­su Chris­ti ge­stellt und ent­schie­den. „Je­sus Chris­tus ist wah­rer Gott und wah­rer Mensch”, wie wir im Credo be­ken­nen. Jetzt schie­den die Sy­rer, die Ar­me­ni­er und die Kop­ten aus dem Kreis der Reichs­kir­chen aus. Sie be­kann­ten „Je­sus ist nur wah­rer Gott, doch nicht wah­rer Mensch”. Die­ses Be­kennt­nis heißt bei den Theo­lo­gen „Mo­no­phy­si­tis­mus” (Glau­be nur an die gött­li­che We­sen­heit Je­su Christi).

P. Lö­ser wand­te sich dann dem by­zan­ti­ni­schen Ri­ten­kreis zu. Im Jahr 1054 er­folg­te zwi­schen Kons­tan­ti­no­pel und Rom die Kir­chen­spal­tung. Die Grün­de da­für wa­ren eher ge­schicht­li­che, po­li­ti­sche und kul­tu­rel­le als theo­lo­gi­sche. In die­ser Zeit gab es be­reits die Mis­si­o­nie­rung der sla­wi­schen Völ­ker. Als Fol­ge des Schis­mas ent­stan­den die ort­ho­do­xen Kir­chen: die grie­chi­sche, die rus­si­sche, die ser­bi­sche, die ru­mä­ni­sche, die bul­ga­ri­sche Kirche. Die­se Kir­chen ha­ben ihre ei­ge­ne Kir­chen­spra­che, ihre ge­mein­sa­me Li­tur­gie, die Sa­kra­men­te, das Bi­schofs­amt. Für ih­re Exis­tenz sind noch in un­se­rer Zeit ge­schicht­li­che und kul­tu­rel­le As­pek­te von gro­ßer Be­deu­tung. Auch sind die Kir­chen des by­zan­ti­ni­schen Ri­ten­krei­ses sehr na­ti­o­nal ein­ge­stellt, was nicht sel­ten zu Span­nun­gen mit an­de­ren Kir­chen des glei­chen Ri­tus, aber auch mit der rö­misch-kat­ho­li­schen Kir­che und den Kir­chen der Re­for­ma­ti­on führt. Der Re­fe­rent stell­te kurz die Ent­wicklung der rus­si­schen Kir­che dar, die be­son­ders in der Ära der Sow­jet­uni­on un­ter Sta­lin sehr zu lei­den hat­te. Erst im sog. Va­ter­län­di­schen Krieg (Zwei­ter Welt­krieg) bes­ser­ten sich ihre Le­bens­be­din­gun­gen, da der sow­je­ti­sche Dik­ta­tor auch die rus­si­schen Chris­ten für die Ab­wehr der NS-Ag­gres­so­ren brauchte.

Ein be­son­de­res Pro­blem zwi­schen den ort­ho­do­xen Kir­chen und der Kir­che von Rom stel­len die sog. Uni­a­ten dar. Im Lauf der Ge­schich­te trenn­ten sich ort­ho­do­xe Chris­ten von ih­rer Kir­che und schlos­sen sich der Kir­che des Paps­tes an. Au­ßer der für sie neu­en An­er­ken­nung des Paps­tes blieb bei die­sen mit Rom unier­ten Ost­kir­chen al­les beim Alten.

Die Ort­ho­do­xie plant schon seit vie­len Jah­ren die Ab­hal­tung ei­nes pan­ort­ho­do­xen Kon­zils, das bis­her we­gen der zahl­rei­chen Kon­flik­te zwi­schen die­sen Kir­chen nicht zu­stan­de kam. Nun soll im Jahr 2016 end­lich ein sol­ches Kon­zil al­ler ort­ho­do­xen Kir­chen durch­ge­führt werden.

Für die rö­misch-kat­ho­li­sche Kirche ist der Uni­a­tis­mus kein Weg der Mis­si­o­nie­rung. Ab­schließ­end wies der Re­fe­rent dar­auf hin, dass wäh­rend des Zwei­ten Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils (1962-1965) die Be­geg­nung von Papst Paul VI. mit dem Öku­me­ni­schen Pa­tri­ar­chen At­he­na­go­ras im Hei­li­gen Land statt­ge­fun­den ha­be. In­fol­ge die­ses so wich­ti­gen Tref­fens bei­der Kir­chen­füh­rer sind al­le Bann­flü­che zwi­schen Rom und der Ort­ho­do­xie, die be­reits vor Jahr­hun­der­ten aus­ge­spro­chen wur­den, auf­ge­ho­ben wor­den. Es herrscht jetzt zwi­schen der rö­misch-kat­ho­li­schen Kir­che und den meis­ten Kir­chen des by­zan­ti­ni­schen Ri­ten­krei­ses ein gu­tes öku­me­ni­sches Klima.

Dr. Wilhelm Platz