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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen
Frankfurt am Main-Zeilsheim

Berichte

23.10.2013

Die Men­no­ni­ten – ei­ne Frei­kir­che der evan­ge­li­schen Chris­ten­heit

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Menno Simons

Da in der evan­ge­li­schen und in der kat­ho­li­schen Kir­che die Viel­zahl der Frei­kir­chen kaum be­kannt ist, ver­an­stal­te­te die ACK Zeils­heim Ende Ok­to­ber zu die­sem The­ma ei­nen in­ter­es­san­ten Vor­trags- und Ge­sprächs­abend. Im Zen­trum der Be­trach­tung stan­den die Men­no­ni­ten. Als Re­fe­ren­tin war die men­no­ni­ti­sche Theo­lo­gin An­drea Lan­ge aus Mainz ge­kom­men, die in ei­nem ein­drucks­vol­len Re­fe­rat über die Frei­kir­chen und ih­re ei­ge­ne men­no­ni­ti­sche Kir­che informierte.

Sie wies zu­nächst dar­auf hin, dass es be­reits in der christ­li­chen Ur­kir­che ver­schie­de­ne ge­meind­li­che Aus­prä­gun­gen ge­ge­ben ha­be, et­wa die Ge­mein­schaf­ten der Hei­den- und der Ju­den­chris­ten. In den spä­te­ren Jahr­hun­der­ten ha­ben sich die alt­ori­en­ta­li­schen und die ort­ho­do­xen Kir­chen und dann im 16. Jahr­hun­dert die Kir­chen der Re­for­ma­ti­on ge­bil­det. Da­mit be­gann auch die Ent­ste­hungs­pha­se von Frei­kir­chen, die bis in un­se­re Zeit an­dauert.

Wa­rum Frei­kir­chen? Die An­hän­ger die­ser Rich­tung be­rufen sich auf die in der Hei­li­gen Schrift be­schrie­be­ne Frei­heit der Gläu­bi­gen. Ihr Prin­zip ist die Glau­bens- und Ge­wis­sens­frei­heit, die Frei­heit von staat­li­cher und kirch­li­cher Be­vor­mun­dung durch die po­li­ti­sche Obrig­keit. Für die Frei­kir­chen ist die To­le­ranz ein zen­tra­ler Be­griff ih­res Glau­bens­le­bens. Kir­chen­mit­glied­schaft ist ein Akt der Frei­wil­lig­keit. Die Be­zeich­nung „Frei­kir­chen” ist Sam­mel­be­griff für ei­ne Viel­falt von Kir­chen wie die Bap­tis­ten, die Men­no­ni­ten und die Quä­ker. Auch die so­ge­nann­ten Pfingst­kir­chen ge­hö­ren zu den Frei­kir­chen. Ih­re Mit­glie­der sind ab­so­lu­te Pa­zi­fis­ten. Sie sind in der Re­gel Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer und set­zen sich für die Be­wah­rung und Si­che­rung des Frie­dens in der Welt ein.

Die Frei­kir­chen ha­ben kei­ne über­ge­ord­ne­te Struk­tur wie die kat­ho­li­sche Kir­che und die evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen. Das ei­gent­li­che Zen­trum und Ak­tions­feld ist die je­wei­li­ge Ge­mein­de, in der sie le­ben. Al­ler­dings gibt es auf Welt­ebe­ne ei­ne Ver­ei­ni­gung evan­ge­li­scher Frei­kirchen (VEF).

Die Fra­ge nach Be­kennt­nis­tex­ten be­ant­wor­te­te die Re­fe­ren­tin, dass es sol­che in der Re­gel nicht ge­be. Das Be­kennt­nis frei­kirch­li­cher Chris­ten be­steht in der Aus­rich­tung ih­res Le­bens am Bei­spiel Je­su Chris­ti. Die christ­liche Pra­xis ist für die­se Men­schen das Be­kennt­nis in der Öf­fent­lich­keit. Al­ler­dings hat die Welt­kon­fe­renz der Men­no­ni­ten aus der Samm­lung von Be­kennt­nis­sen ih­rer Ge­mein­den ein ge­mein­sa­mes Be­kennt­nis kon­zipiert.

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Andrea Lange

Im Fol­gen­den ging An­drea Lan­ge auf ih­re men­no­ni­ti­sche Kir­che ein. Die­se Ge­mein­schaft ent­stand im Be­reich der Täu­fer­be­we­gung wäh­rend der Re­for­ma­ti­ons­zeit. Ihr Be­grün­der ist der ehe­ma­li­ge kat­ho­li­sche Pries­ter Men­no Si­mons. Da­mals wur­den die so­ge­nann­ten Wie­der­täu­fer von der tra­di­ti­o­nel­len Kir­che und den staat­li­chen Ge­wal­ten blu­tig ver­folgt. Sie prak­ti­zier­ten die Er­wach­se­nen­tau­fe, weil sie für den Emp­fang der Tau­fe ein vor­he­ri­ges selb­stän­di­ges Be­kennt­nis zu Je­su Chris­tus for­der­ten. Da­her wur­den zu ih­nen kon­ver­tier­te Chris­ten er­neut ge­tauft, was strikt ver­bo­ten war und von der Obrig­keit ge­ahn­det wur­de. Men­no Si­mons sam­mel­te die ver­folg­ten Wie­der­täu­fer – ins­be­son­de­re die in Müns­ter – und be­grün­de­te mit ih­nen ei­ne neue Kir­che Ih­re Fun­da­men­te wa­ren die frei­wil­lige Tau­fe, die Ge­walt­frei­heit und die Frei­heit von obrig­keit­li­chen Zwängen.

In un­se­rer Zeit ver­fol­gen die Men­no­ni­ten auch neue mis­si­o­na­ri­sche Pro­jek­te. Wich­ti­ge Grund­hal­tun­gen der Men­no­ni­ten sind die Nach­fol­ge Je­su Chris­ti, der Mut zum Non­kon­for­mis­mus und das Be­mü­hen um fried­li­che Kon­flikt­lö­sun­gen. Mit­glie­der men­no­ni­ti­scher Ge­mein­den ge­hen oft in kon­flikt­träch­ti­ge Ge­bie­te wie in den Na­hen Os­ten, um dort für den Frie­den zu arbeiten.

Trotz gro­ßer the­o­lo­gi­scher Un­ter­schie­de füh­ren die Men­no­ni­ten auch mit an­de­ren christ­li­chen Kir­chen in­ten­si­ve Di­a­lo­ge, auch mit der kat­ho­li­schen Kir­che. Ihr Ziel ist da­bei, ge­mein­sam Frie­den zu stif­ten. Die Re­fe­ren­tin stell­te zum Schluss ih­res Vor­trags die Fra­ge „Was kön­nen die Chris­ten ins­ge­samt von den Men­no­ni­ten ler­nen”? Ins­be­son­de­re den Mut, den christ­li­chen Glau­ben in ei­ner weit­hin sä­ku­la­ri­sier­ten Ge­sell­schaft of­fen zu be­ken­nen und ih­re Selb­stän­dig­keit von obrig­keit­li­chen Ein­flüs­sen zu bewahren.

Die Aus­füh­run­gen von An­drea Lan­ge wur­den mit gro­ßem In­ter­es­se von den Be­su­chern der ACK-Ver­an­stal­tung auf­ge­nom­men und reg­ten zu ei­ner sach­lich fun­dier­ten Aus­spra­che mit der Re­fe­ren­tin an.

Dr. Wilhelm Platz