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Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen
Frankfurt am Main-Zeilsheim

Berichte

27.04.2013

Zeils­hei­mer ACK in Ober­hes­sen

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Landgrafenschloss in Marburg

En­de April ver­an­stal­te­te die Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen in Zeils­heim ei­ne Ta­ges­fahrt in das ober­hes­si­sche Gebiet, das einst Zen­trum der ehe­ma­li­gen Land­graf­schaft Hes­sen war, aber teil­wei­se auch zum kat­ho­li­schen Kur­fürs­ten­tum Mainz ge­hör­te. Die von Die­ter Jung gut vor­be­rei­te­te und ge­führ­te Ex­kur­si­on mit dem Bus stand un­ter dem The­ma „Chris­ti­a­ni­sie­rung und Re­for­ma­ti­on in Hes­sen”.

Dr. Wil­helm Platz in­for­mier­te auf der Fahrt, zu­nächst in das ma­le­ri­sche Städt­chen Amö­ne­burg, das sich auf ei­nem Ta­fel­berg im Tal der Ohm er­hebt, und dann in die Uni­ver­si­täts­stadt Mar­burg an der Lahn, über die ge­schicht­li­che und re­li­gi­öse Be­deu­tung be­ider Or­te. Amö­ne­burg war im frü­hen Mit­tel­al­ter in der Zeit des mäch­ti­gen Fran­ken­rei­ches das Zen­trum der Chris­ti­a­ni­sie­rung Mit­tel- und Nord­hes­sens ein­schließ­lich Thü­rin­gens. Wäh­rend in Süd­hes­sen schon seit der spä­ten Pha­se des rö­mi­schen Rei­ches be­reits christ­li­che Ge­mein­den be­stan­den – das Chris­ten­tum wur­de dort ins­be­son­de­re durch rö­mi­sche Sol­da­ten und Kauf­leu­te ver­brei­tet – setz­te die Chris­ti­a­ni­sie­rung des ober­hes­si­schen und thü­rin­gi­schen Ter­ri­to­ri­ums erst zu Be­ginn des 8. nach­christ­li­chen Jahr­hun­derts ein.

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Winfried Bonifatius

Der eng­li­sche Mis­si­o­nar Win­fried Bo­ni­fa­ti­us, spä­ter Erz­bi­schof und Le­gat des Paps­tes für Ger­ma­ni­en, bei uns auch als „Apos­tel der Deut­schen” be­kannt, ist als der ei­gent­li­che Ini­ti­a­tor der Ver­brei­tung der christ­li­chen Leh­re im hes­si­schen Nor­den und in Thü­rin­gen zu nen­nen und zu wür­di­gen. Er grün­de­te 722 in Amö­ne­burg ein Klos­ter und för­der­te die Aus­brei­tung des Chris­ten­tums ins­be­son­de­re durch die Ein­rich­tung von Bis­tü­mern, Klös­tern und Pfar­rei­en. Im Jahr 754 er­litt er mit zahl­rei­chen Chris­ten im Frie­sen­land den Mär­ty­rer­tod. Sein Leich­nam wur­de da­mals in sei­nem Lieb­lings­klos­ter Ful­da bei­ge­setzt. Heu­te be­fin­det sich sein Grab in der Kryp­ta des Ful­da­er Ba­rock­doms. Es wird je­des Jahr von zahl­rei­chen Wall­fah­rern be­sucht. Bo­ni­fa­ti­us stell­te sei­ne mis­si­o­na­ri­sche und seel­sorg­li­che Ar­beit un­ter das Mot­to „Ver­bum Do­mi­ni ma­net in aeter­num – Das Wort des Herrn bleibt in Ewig­keit”. Zeils­heim darf sich rüh­men, mit der Bio­gra­phie des Apos­tels der Deut­schen in Ver­bin­dung zu ste­hen, denn sein Leich­nam wur­de auf dem Weg nach Ful­da auch bei uns über Nacht – wahr­schein­lich in der Nä­he der heu­ti­gen Auto­bahn A66 – „nie­der­ge­stellt”. Dar­an er­in­nert die vor ei­ni­gen Jah­ren ein­ge­rich­te­te Bo­ni­fa­ti­us­rou­te, die durch un­se­ren Frank­fur­ter Orts­teil führt.

Die Teil­neh­mer der ACK-Ta­ges­fahrt wur­den auch über den Be­ginn und den Ver­lauf der Re­for­ma­ti­on in der Land­graf­schaft Hes­sen am An­fang des 16. Jahr­hun­derts in­for­miert. Die be­herr­schen­de Per­sön­lich­keit die­ser re­li­gi­ö­sen und kirch­li­chen Um­wäl­zung war Land­graf Phi­lipp der Groß­mü­tige. Er wand­te sich nach an­fäng­li­chem Zö­gern Mar­tin Lut­hers re­for­ma­to­ri­scher Leh­re zu. 1526 fand in der Stadt­ki­rche zu Hom­berg an der Ef­ze eine Sy­no­de statt, die als Ein­tritt des Lan­des in die Re­for­ma­ti­on an­zu­se­hen ist. Phi­lipp kon­fis­zier­te das Ver­mö­gen der al­ten Ki­rche, er lös­te die Klös­ter in sei­nem Land auf und rich­te­te – auch aus so­zi­al­po­li­ti­schen Er­wä­gun­gen – Hos­pi­tä­ler und re­li­gi­ös­e Stif­tun­gen ein. Ein epo­cha­ler Schritt in der Po­li­tik des Land­gra­fen war die Grün­dung der ers­ten pro­tes­tan­ti­schen Uni­ver­si­tät in Mar­burg, die sei­nen Na­men trägt. Die­se Stät­te der Wis­sen­schaft war vor al­lem für die Aus­bil­dung von Ju­ris­ten, die dem Staat die­nen soll­ten, und evan­ge­li­scher The­o­lo­gen und Pfar­rer ge­schaf­fen wor­den. Als pro­tes­tan­ti­scher Reichs­fürst ge­riet er wie an­de­re sei­ner Par­tei­gän­ger in Kon­flik­te mit dem kat­ho­li­schen Kai­ser Karl V., der ihn für ei­ni­ge Jah­re in Haft neh­men ließ. Phi­lipp der Groß­mü­ti­ge ver­such­te, die Spal­tung zwi­schen den An­hän­gern Lut­hers und den Re­for­mier­ten des Schwei­zer Re­for­ma­tors Huld­reich Zwing­li zu be­sei­ti­gen. Die­sem Ziel dien­te das sogenannte „Mar­bur­ger Re­li­gi­ons­ge­spräch” vom 1. bis 5. Ok­to­ber 1529, zu dem der Land­graf die Kon­tra­hen­ten auf sein Mar­bur­ger Schloss ein­ge­la­den hat­te. Die­se Kon­fe­renz schei­ter­te, da sich Lut­her und Zwing­li nicht über das We­sen des Abend­mahls ei­ni­gen konn­ten. Wäh­rend Mar­tin Lut­her die al­te kat­ho­li­sche Leh­re ver­trat – DAS IST MEIN LEIB. DAS IST MEIN BLUT. – al­so die Auf­fas­sung, dass in Brot und Wein tat­säch­lich Je­sus Chris­tus real prä­sent ist, deu­te­te Zwing­li das Abend­mahl le­dig­lich als ei­nen sym­bo­li­schen Akt der Er­in­ne­rung an das Abend­mahl der Ur­kir­che. Die­se Spal­tung zwi­schen Lut­he­ra­nern und Re­for­mier­ten hat der Re­for­ma­ti­on lan­ge Zeit ge­scha­det. Heu­te sind bei­de Rich­tungen in so­ge­nann­ten Uni­o­nen ver­söhnt, etwa in der Evan­ge­li­schen Kir­che von Hes­sen und Nas­sau (EKHN). In Mar­burg sah un­se­re Rei­se­grup­pe die Eli­sa­beth­kir­che und die schö­ne und in­ter­es­san­te Alt­stadt. Lei­der konn­te das Land­gra­fen­schloss, der Ort des Re­li­gi­ons­ge­sprächs von 1529, nicht von in­nen be­sich­tigt werden.

Un­se­re Rei­se nach Ober­hes­sen en­de­te mit ei­nem Abend­es­sen im Bür­ger­haus in Gam­bach. Dort konn­ten sich die an der Ex­kur­sion sehr in­ter­es­sier­ten Da­men und Her­ren von den Er­leb­nis­sen der Fahrt erholen.

Dr. Wilhelm Platz